Mitbestimmung

Ein Boot erreicht sein Ziel nur, wenn der Kurs gemeinsam bestimmt und verlässlich gesteuert wird. Dieses Bild steht für die Mitbestimmung. Wo unterschiedliche Interessen zusammenkommen, braucht es klare Führung und funktionierende Prozesse. Wie dies im Sunnige Hof gelebt wird, zeigt der Beitrag am Beispiel des Solidaritätsfonds.

Zum
Video

Mitbestimmung: Wenn Engagement Wirkung zeigt

Mitwirkung in einer Genossenschaft bedeutet, dass die Mitglieder aktiv an Entscheidungen teilnehmen und mitbestimmen können. Nebst dem Recht, an der Generalversammlung abzustimmen und den Verwaltungsrat wählen zu können, kennt der Sunnige Hof zahlreiche weitere Mitwirkungsgefässe und -möglichkeiten. Aus ihnen entstehen mitunter spannende Ideen, wie beispielsweise der «Biodiversitätsfranken», die innerhalb der Genossenschaft umgesetzt werden.

Am Workshop zur Weiterentwicklung des Solidaritäts- und Zweckerhaltungsreglements beteiligten sich zahlreiche Genossenschafter*innen.

Im Sunnige Hof wurde die genossenschaftspolitische Mitwirkung offiziell im Jahr 2017 angestossen und seither schrittweise weiterentwickelt. Sie zeigt sich in den sechs Siedlungsversammlungen in grösseren Siedlungen und in Arbeitsgruppen zu unterschiedlichen Themen wie etwa der Begleitgruppe Bau. In den letzten zwei Jahren hat sich die Mitwirkung zudem stärker auf strategische Fragestellungen ausgeweitet.

Im Jahr 2024 wurde mit engagierten Genossenschafter*innen die Nachhaltigkeitsstrategie vertieft und 2025 folgte das nächste Projekt: die Überarbeitung des Solidaritätsfonds.
Anhand dieses Beispiels soll der Mitwirkungsprozess erläutert und sein Potenzial für gemeinsame Lösungen aufgezeigt werden.

Solidaritätsfonds als unbürokratische Hilfe
Der Solidaritätsfonds wurde gegründet, um Mieter*innen in finanziellen Schwierigkeiten monetär zu unterstützen. Aktuell enthält der Solidaritätsfonds Mittel in der Höhe von 2.3 Mio. Franken und erzielt jährlich einen Einnahmeüberschuss von rund 60‘000 Franken. Tendenz steigend.

Alimentiert wird der Fonds von Mieter*innen, die eine unterbelegte Wohnung nutzen. Diese entrichten einen Mehrzins von 10 Prozent je überzähliges Zimmer des zu bezahlenden Nettomietzinses. Um die vorhandenen Mittel noch gezielter einzusetzen, wurde ein partizipativer Prozess zur Überarbeitung des Solidaritätsfonds- und Zweckerhaltungsreglements initiiert. Ziel ist es, mit den Geldern im Fonds möglichst unkompliziert jene Mieter*innen zu erreichen, die dringend Unterstützung benötigen. Kurz: Gesucht werden neue Ideen, damit der Fonds seine Wirkung weiter entfalten kann. Solche Ideen wurden in einem gemeinsamen Workshop und einer breit angelegten Umfrage unter allen Genossenschafter*innen entwickelt. Zusammengekommen sind viele spannende Ideen, wovon vier weiterverfolgt wurden:
• Direktunterstützung in Notsituationen
(Soforthilfe)
• Finanzierung einer Beratungsstelle
• Entlastung von Ü70-Jährigen in unterbelegten Wohnungen, die den Mehrzins finanziell nicht
stemmen können
• Mehreinnahmen generieren durch freiwillige Spenden

Nach dem Workshop ist vor dem Workshop
Alle vier Ideen wurden an einem zweiten Workshop Anfang Januar 2026 nochmals vertieft und gemeinsam weiterentwickelt. Dabei wurden konkrete Umsetzungsvarianten für eine faire Vergabe der Gelder diskutiert. In einem nächsten Schritt werden im Verlauf des Jahres zu den einzelnen Themenbereichen Teilprojekte ausgearbeitet und diese in einem iterativen Prozess in den unterschiedlichen Gremien in die Vernehmlassung gegeben. Der Abschluss des Prozesses bildet eine Statutenänderung an der Generalversammlung 2027. Dort entscheiden die Genossenschafter*innen über einen grundsätzlichen Strategiewechsel, der es ermöglichen würde, nebst Mietzinsen zu reduzieren (Objektsubventionierung) auch Personen direkt zu helfen (Subjektunterstützung).

Was hat dieser Prozess mit dem Biodiversitätsfranken zu tun?
Wer sich auf einen Mitwirkungsprozess einlässt, schafft Raum für neue Ideen und Perspektiven. Dies ist auch bei der Überarbeitung des Solidaritätsfonds geschehen: Aus dem Prozess ist eine Idee gewachsen, die zwar spannend ist, aber thematisch nicht in den Solidaritätsfonds passt: der Biodiversitätsfranken. Wie dieser funktionieren soll und warum auch ein Projekt, das nicht innerhalb des ursprünglich angedachten Rahmens weiterverfolgt wird, zu einem Mitwirkungsprojekt wird, erläutern die beiden Initianten Arnd und Anne Brandl im Interview.

Interview

Mitwirkung spielerisch erleben

Das Genossenschafter-Ehepaar Arnd und Anne Brandl spricht darüber, wie aus einer Idee für den Solidaritätsfonds ein mögliches, eigenständiges Mitwirkungsprojekt wurde – und warum spielerische Ansätze dafür wichtig sind.
Anne und Arnd Brandl sprechen in der Siedlung Mattenhof über die Idee des Vielfaltsfranken.

Arnd und Anne, ihr habt im Rahmen der Überarbeitung des Solidaritäts-und Zweckerhaltungsreglements eine Idee eingebracht, die am Ende nicht Teil der Zweckerweiterung des Fonds wurde. Diese wird aber an anderer Stelle weiterverfolgt. Wie kam es dazu?
Arnd: Für Anne und mich ist Biodiversität schon seit vielen Jahren eine Herzensangelegenheit – auch wenn wir keine Fachleute sind. Als die Genossenschafter*innen eingeladen wurden, Ideen für die Weiterentwicklung des Solidaritätsfonds einzubringen, dachten wir: Das ist eine gute Gelegenheit, Biodiversität im Sunnige Hof konkret zu fördern. Solidarität heisst, Verantwortung füreinander zu übernehmen und dazu gehört in unserem Verständnis auch, die Natur zu schützen, von der wir heute und zukünftige Generationen abhängig sind. So entstand bei uns die Idee des sogenannten Vielfaltfrankens.

Was war die Grundidee dahinter?
Arnd: Wir stellten uns vor, dass ein bestimmter Betrag aus dem Solidaritätsfonds in einen separaten Biodiversitätstopf fliesst. Aus diesem Topf hätten Bewohner*innen, die ihre Balkone oder Gärten biodivers gestalten und pflegen, eine Art Aufwandsentschädigung erhalten. Nicht als Belohnung, sondern als Anreiz, aktiv zu werden.

Anne: Der Schutz der Artenvielfalt ist eine Gemeinschaftsaufgabe. Er muss nicht einzelnen überlassen bleiben. Menschen, welche Zeit und Energie in eine biodiverse Gestaltung des Sunnige Hof investieren können, werden über den solidarischen Vielfaltsfranken von jenen unterstützt, die diesen Einsatz nicht leisten können. An den bunten, begrünten Balkonen und Gärten haben am Ende alle Freude.

«Wir waren sehr erfreut, dass der Sunnige Hof unsere Idee weiterverfolgen möchte.»

Im weiteren Prozess wurde aber klar, dass diese Idee nicht in den Solidaritätsfonds passt. Wie seid ihr damit umgegangen?
Arnd: Natürlich war das zunächst enttäuschend. Im Workshop zeigte sich, dass der Solidaritätsaspekt hinter unserer Idee für viele nicht eindeutig genug war. Das ist legitim. Mitwirkung heisst nicht, dass jede Idee automatisch umgesetzt wird.

Anne: Trotzdem waren wir sehr erfreut, dass der Sunnige Hof unsere Idee unterstützt und weiterverfolgen wollte. Das war ein klares Zeichen, dass unser Vorschlag ernst genommen wird – auch ausserhalb des ursprünglichen Gefässes. Nun hoffen wir, dass sich Menschen aus dem Sunnige Hof finden, die Lust haben, gemeinsam mit uns an diesem Thema weiterzuarbeiten.

Wie geht es nun konkret weiter?
Arnd: Die Idee soll spielerisch weiterverfolgt werden. Gemeinsam mit Grün Stadt Zürich überlegen wir uns, wie sich die Biodiversität im Sunnige Hof in den nächsten Jahren messbar erhöhen lässt. Wenn uns das gelingt, könnte daraus etwas Gemeinsames entstehen – etwa ein Anlass oder eine andere Form der Unterstützung. Die Details sind offen, wichtig ist der niederschwellige Zugang. Wir machen uns aber keine Illusionen: Nachhaltigkeit und Verhaltensänderungen haben es gesellschaftlich momentan schwer. Aber es gibt Menschen, die Lust und Energie haben – oft reicht schon eine kleine Gruppe, um etwas ins Rollen zu bringen.

Was hat Biodiversität aus eurer Sicht mit Mitwirkung zu tun?
Anne: Engagement in einen biodiversen Sunnige Hof macht gemeinsames Handeln sichtbar. Es geht nicht einfach ums Mitmachen, sondern ums gemeinsame Wirken. Wo gibt es im Sunnige Hof Orte, die wir verändern möchten – mehr Schatten, mehr Grün, mehr Aufenthaltsqualität? Wenn man gemeinsam etwas anstösst und später sieht, dass sich tatsächlich etwas verändert, wird Mitwirkung sinnlich erfahrbar. Genau diese Verbindung aus Niederschwelligkeit, Freude, gemeinsamen Tun und seiner sichtbaren Wirkung macht das Thema so geeignet für Mitwirkung.

Arnd: Wir sehen bei diesem Projekt das volle Potenzial der Mitwirkung: Gibt es die Möglichkeit, wirksam zu werden? Ist Kraft und Energie vorhanden, sich neben all dem anderen zu engagieren? Haben wir Lust und Motivation, das gemeinsam zu tun? Bei der Biodiversität können wir alle drei Fragen klar mit Ja beantworten.