Wohnsicherheit

Auf hoher See den sicheren Hafen anpeilen und nach stürmischen Zeiten zur Ruhe kommen: Dieses Bild steht für das Thema Wohnsicherheit. In einem zunehmend unberechenbaren Wohnumfeld wird sie immer wichtiger. Die angespannte Lage auf dem Zürcher Wohnungsmarkt zeigt, wie schnell Menschen in Not geraten, wenn Wohnraum knapp oder unerschwinglich wird – und wie wertvoll ein neues, sicheres Zuhause sein kann.

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Was Wohnsicherheit mit Heimat zu tun hat

Wohnsicherheit ist mehr als nur ein Dach über dem Kopf. Sie schafft Geborgenheit sowie Vertrautheit und ermöglicht es, soziale Beziehungen aufzubauen. Was passiert, wenn sie verloren geht, zeigt die Geschichte von Susanne Kneisl und Margarita Boppart. Zwei Frauen, die nach einer Kündigung wegen Eigenbedarfs im Sunnige Hof eine neue Heimat gefunden haben.

Margarita Boppart und Susanne Kneisl gewährten dem Sunnige Hof während dem Umzug einen Einblick in ihr neues Zuhause in der Siedlung Else Züblin.

2024 – genauer gesagt, nur wenige Tage vor Weihnachten. Ein unpersönliches E-Mail, verfasst in kühlen, distanzierten Worten, riss sie aus ihrem unbeschwerten Rentnerinnendasein: Wohnungskündigung aufgrund von Eigenbedarf. Ein bitteres Weihnachtsgeschenk. «Wir beide hatten eine Vorahnung, dass uns dieses Schicksal ereilen könnte. Doch der Mensch verdrängt gern – vor allem bei einem attraktiven Mietzins an bester Lage in der Stadt Zürich», sagt Susanne Kneisl.
Tatsächlich bewohnten die 80-jährige Susanne Kneisl und die 84-jährige Margarita Boppart vier Jahrzehnte lang ein privates und stark renovationsbedürftiges Haus in Zürich-Höngg. Die Fassade und die Wände von den Jahren gezeichnet, die Küche nicht mehr dem heutigen Ausbaustandard entsprechend und das Dach undicht. «Teilweise fühlten wir uns dort wie in einem heruntergekommenen Flüchtlingslager», sagt die gelernte Grafikerin Susanne Kneisl. Dennoch nahmen sie diese Umstände in Kauf – schliesslich betrug die monatliche Miete nur 1200 Franken.
Mit den Jahren wuchs ihnen das Haus ans Herz. Mit Hingabe und Passion hielten sie es instand, renovierten es auf eigene Kosten und pflegten liebevoll den Garten. Besonders Margarita Boppart, pensionierte Buchbinderin, blühte mit ihrem «grünen Daumen» auf – bis die tickende Zeitbombe explodierte.

Hilfe suchen bei den Profis
Obwohl sie die Kündigung nach so vielen Jahren enttäuschte, konnten sie die Beweggründe des Vermieters nachvollziehen. Es war sein Recht, sein Eigentum der eigenen Tochter zu überlassen – besonders, da diese frisch geschieden war und ebenfalls für sich selbst und ihre drei Kinder nach einem neuen Zuhause suchte. Zeit, über diese Umstände nachzudenken, blieb aber kaum. Vielmehr begann von einem Tag auf den anderen die intensive Suche nach einer neuen Bleibe. Freunde und Verwandte erfuhren von ihrer misslichen Lage. Die Hoffnung: «unter der Hand» eine bezahlbare Wohnung im Raum Zürich zu ergattern. Weil sich diese Hoffnung aber rasch zerschlug, wandten sich Susanne Kneisl und Margarita Boppart hilfesuchend an den Mieterverband und an die Interessengruppe für Senior*innen Pro Senectute. Letztere setzt sich seit über 100 Jahren für das Wohl älterer Menschen in der Schweiz ein. Mit deren Unterstützung entstand ein professionelles Bewerbungsdossier – mit Lebenslauf, Fotos und persönlichem Motivationsschreiben. «Manchmal hatten wir während dieser Zeit das Gefühl, uns um eine Arbeitsstelle zu bewerben», erzählt Margarita Boppart.

«Der Sunnige Hof war für uns der Edelstein unter unzähligen Kieselsteinen.»

Wohnungsknappheit wird existenzbedrohend
Sie statteten Quartieren einen Besuch ab, füllten unzählige Online-Formulare aus und versandten Dutzende Bewerbungsschreiben. Sie schlossen auf den einschlägigen Suchportalen kostspielige Abonnemente ab, um die Chancen auf ein Wohnobjekt zu erhöhen. «Hier wird aus der Not der Menschen Profit geschlagen. Ich finde das unfair und unzulässig», fügt Margarita Boppart hinzu. So hetzten sie von Quartier zu Quartier – erfolglos. Absagen waren die Regel. «Nur noch Maschinen entscheiden, ob ich für eine Wohnung in der Stadt Zürich anspruchsberechtigt bin», sagt Susanne Kneisl. Selbst für eine Alterswohnung erhielten sie keine Zusage, da ihr Vermögen gemäss Vorschriften zu hoch war.

Die Verdrängung aus einer bezahlbaren Wohnung und die Wohnungsknappheit im städtischen Raum sind kein Randthema mehr. Sie treffen die Mitte der Gesellschaft. Wohnsicherheit wird zum Luxusgut, und die wachsende Existenzangst frisst sich in die Seele. Auch Susanne Kneisl und Margarita Boppart litten darunter. Sie fühlten sich ausgeschlossen, abgewertet, überflüssig, unerwünscht. Zur seelischen Not kamen körperliche Beschwerden hinzu. Während sich Susanne Kneisl einer Gallenblasenoperation unterzog, brachte Margarita Boppart zwei Eingriffe an den Augen hinter sich. «Es gab Tage, da legten wir uns mitten am Nachmittag schlafen, einfach um der Welt zu entfliehen», sagt Margarita Boppart.

Wink des Schicksals
Am Ende ihrer Kräfte wird der Sunnige Hof zum rettenden Anker. Eine Mitarbeiterin der Pro Senectute informierte sie über eine freie 3-Zimmer-Wohnung in der Siedlung Else Züblin Ost in Zürich-Albisrieden. Die Wohnung gefiel ihnen auf Anhieb. Öffentliche Verkehrsmittel in Gehdistanz, das Naherholungsgebiet vor der Tür – und dann war da noch die Ahnenforschung zur Namensgeberin Else Züblin. Die Zürcherin, die im 2. Weltkrieg eine Soldatenstube gründete und gleichzeitig eine Papierhandlung führte, berührte das Rentnerinnenpaar. Spätestens da war für die beiden klar: Wir gehören nach Albisrieden in die Siedlung Else Züblin.

Auch die Siedlung und der essbare Gemeinschaftsgarten begeisterten sie. «Wir freuen uns darauf, im Sommer mit einem Glas Prosecco auf unsere neue Heimat anzustossen», sagt Susanne Kneisl. Zudem spürten sie beim Bewerbungsgespräch mit der Vermietungsabteilung die Menschlichkeit und Wertschätzung. «Es war eine echte Begegnung auf Augenhöhe», sagt Margarita Boppart. «Der Sunnige Hof war für uns der Edelstein unter vielen Kieselsteinen», fügt Susanne Kneisl hinzu.

Verzweiflung in Dankbarkeit verwandelt
Jetzt fühlen sie sich im Sunnige Hof angekommen. Sie haben erlebt, was Wohnsicherheit wirklich bedeutet. Sie symbolisiert mehr als nur Wände und eine Tür. Sie steht für Würde, Zugehörigkeit und Geborgenheit. «Wohnsicherheit ist Heimat», sagt Susanne Kneisl. Sie haben auch erfahren, was Solidarität bewirken kann. «Der Sunnige Hof war unser Rettungsanker», sagen beide. Hier möchten sie bleiben – bis die letzte Reise des Lebens beginnt.